Thomas Bayrle

Thomas Bayrle, Aufnahme aus dem Film The Future of Art (2010)

Thomas Bayrle (* 7. November 1937 in Berlin) ist ein deutscher Objektkünstler, Maler, Grafiker und Video-Künstler.

Leben

Bayrle & Kellermann - The Makers of Display, 1969 bis 1972, Frankfurt am Main, Telemannstraße 5 (Foto: 2021)

Thomas Bayrle wurde als Sohn des Malers und Grafikers Alf Bayrle und dessen Ehefrau, der promovierten Kunsthistorikerin Elisabeth Bayrle, geborene Weiss, geboren. Von 1934 bis 1937 arbeiteten beide im Frobenius-Institut und nahmen an Expeditionen in Afrika teil. Mit seiner Mutter und den zwei jüngeren Brüdern wurde er 1940 in das hessische Oberndorf bei Gelnhausen evakuiert. 1953 siedelte die Familie nach Frankfurt am Main über.

Bayrle, der Textilingenieur werden wollte, machte ab 1956 eine zweijährige Ausbildung zum Musterzeichner und Weber. In der Maschinenweberei Gutmann in Göppingen arbeitete er als Textilarbeiter an Jacquardwebstühlen, deren Lärm ihn an einen rhythmischen Sound erinnerte, der ihn Jahrzehnte später, wie auch die vertikale textile Ornamententstehung, zu Arbeiten inspirierte.

Von 1958 bis 1961 studierte Bayrle an der Werkkunstschule Offenbach. Zunächst hatte er das Studienziel Gebrauchsgrafik, er wandte sich aber der Druckgrafik zu und erlernte bei Eberhard Behr die Technik der Lithografie und der Radierung. 1961 gründete er zusammen mit Bernhard Jäger in Bad Homburg vor der Höhe die Gulliver-Presse und machte sich auch als Drucker und Verleger von Künstlerbüchern einen Namen. In der bis 1965 veröffentlichenden Gulliver-Presse erschien unter anderem eines der ersten Bücher von Ernst Jandl (Hosi-Anna! 1965) – illustriert von Thomas Bayrle und Bernhard Jäger. 1964 nahm er an der documenta III, 1977 an der documenta 6 und 2012 an der dOCUMENTA (13) in Kassel teil.

Von 1969 bis 1972 betrieb er mit Hans Jörg Kellermann im Frankfurter Westend eine Kreativwerkstatt, die als Bayrle & Kellermann - The Makers of Display dreidimensionale Objekte herstellte, die zwischen Kunst und Werbung oszillierten und daneben noch eine Siebdruckwerkstatt betrieb. Auftraggeber waren unter anderem der Schokoladenhersteller Ferrero, die Teppichmarke Enkalon, der Modedesigner Pierre Cardin und die Gewerkschaftsbank BfG.[1] Ab 1972 war er zeitweise Dozent an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main und Professor an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule in Frankfurt am Main. Zu seinen Studenten gehörten unter anderen Martin Liebscher, Marko Lehanka, Georg Peez, Manfred Stumpf, Kerstin Jeckel und Stefan Müller. 1995 hatte er in Japan eine Gastprofessur an der Tohoku University inne. 2002 wurde er emeritiert.

Er war ab 1961 mit der Künstlerin Helke Bayrle (1941–2022), geborene Rochelmeyer, verheiratet. Aus der Ehe ging die Tochter Marielle hervor.[2] Thomas Bayrle lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Werke

Bayrles Arbeiten basieren in der Regel auf einem grafischen Grundprinzip. Ausgehend von traditionellen Techniken, gehörte er zu den ersten deutschen Künstlern, die computergenerierte und animierte Kunst produzierten. Wesentliches ästhetisches Element seiner Arbeit ist das Prinzip des Seriellen. In der US-amerikanischen Tradition von Andy Warhol oder Roy Lichtenstein, aber auch des deutschen Künstlers Sigmar Polke befindet sich Bayrle, indem er seine bildnerischen Themen vielfach der Welt der Konsumgüter entnimmt. Mit der Reflexion auf eine Warenwelt als Anhäufung von multiplizierbaren, wiederholbaren Formen und Piktogrammen liefert Bayrle nicht nur einen Kommentar zur Gesellschaft, sondern verweist auf seine eigenen künstlerischen Mittel.

Von ihm stammen Darstellungen von Massenbewegungen und -prozessen. 1965 bis 1967 schuf er Suppenkatapulte als bewegliche Objekte. Seit 1968 haben Grafiken und Bilder von ihm Massenphänomene zum Inhalt, sowohl als Montagen als auch gemalt.[2]

Die Motoren, die während der dOCUMENTA (13) gezeigt wurden, sind von dem Feinmechanikbetrieb Anton Schwinghammers zusammengesetzt worden.

Bayrles Pietà-Fenster im Kloster Eberbach, das Ende 2020 eingeweiht wurde, hat das Glasstudio Derix aus Taunusstein angefertigt. Es stellt die trauernde Maria mit dem Leichnam Jesu dar. Das Gesamtbild ergibt sich aus vielen kleinen Smartphones.[3]

Ausstellungen

In den letzten Jahren fanden wichtige Einzelausstellungen und Beteiligungen in Galerien und Museen in Düsseldorf, Montréal, Köln, Graz, Frankfurt am Main, Wien, Venedig, Auckland, Berlin, Duisburg, Genf, Karlsruhe, New York, Zürich und Austin/Texas statt. Bayrle ist mit seinen Arbeiten in Museen, öffentlichen und privaten Sammlungen im deutschsprachigen und angelsächsischen Raum vertreten. 1984 beteiligte er sich bei Von hier aus – Zwei Monate neue deutsche Kunst in Düsseldorf. 2002 hatte er eine Ausstellung im Städel Museum in Frankfurt am Main.

2005 und 2006 nahm Bayrle unter anderen an Ausstellungen im Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe, im Kunstmuseum Thun, im Kunsthaus Zürich, im Museum für Moderne Kunst (MMK), Frankfurt am Main, in der Kunsthalle Fridericianum, Kassel teil. 2007 stellte Bayrle im Fonds Régional d’Art Contemporain Limousin (FRAC), Limoges und im Office for Contemporary Art, Oslo aus. 2008 war er Teilnehmer an der Biennale of Sydney (Art Gallery of New South Wales). 2009 fand eine große retrospektive Ausstellung im Museu d’Art Contemporani de Barcelona (MACBA) in Barcelona statt. Im Jahr 2012 war er Teilnehmer an der dOCUMENTA (13) in Kassel. Seine Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben dokumentierte Bayrle 2014 durch eine Auswahl seiner Werke mit der Ausstellung katholisch in der Kunst-Station Sankt Peter Köln sowie durch die Ausstellung Agnus Dei in der St. Matthäus-Kirche am Kulturforum Berlin.[4]

Für die Saison 2003/2004 in der Wiener Staatsoper gestaltete er im Rahmen der von museum in progress konzipierten Ausstellungsreihe „Eiserner Vorhang“ ein riesiges Großbild (176 m²).

In seiner Einzelausstellung 'Wenn etwas zu lang ist – mach es länger' im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) kombinierte Bayrle für die Saison 2017/18 traditionelle handwerkliche Techniken mit computergenerierter Kunst des Informationszeitalters. Für die Ausstellung entstanden auch bedeutende Neuproduktionen, darunter die Installation iPhone meets Japan, ein begehbares Szenenbild, mit dem Bayrle in einer „Superform“ aus iPhones ein japanisches Shunga aus der Asien-Sammlung des MAK reflektierte.[5]

Seit März 2018 zeigt die Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München einige futuristische Kompositionen des Künstlers.[6] Im Rahmen der Ausstellung I'm a Believer. Pop Art und Gegenwartskunst aus dem Lenbachhaus und der KiCo Stiftung wird die großformatige Skulptur „Autostrada“ (2003) und weitere grafische Wandtableaus aus dem Sammlungsbestand präsentiert.[7]

Auszeichnungen

Buchveröffentlichungen

  • Biographie Egoist. 1969.
  • Feuer im Weizen. 1971

Literatur (Auswahl)

  • Bayrle & Jäger: Gulliver-Presse 1961–1966. Galerie Bernd Slutzky, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-9802923-1-2.
  • Bayrle. Edition Unida, Den Haag 1970.
  • Feuer im Weizen. März, Frankfurt am Main 1970.
  • Thomas Bayrle: Druckgrafik 1960–1983. Ausstellungskatalog, Städtische Galerie Wolfsburg 1981.
  • Thomas Bayrle Rasterfahndung. Herausgegeben von Klaus Gallwitz, edition suhrkamp 1069, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-518-11069-1.
  • Bayrle Big Book. Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln 1990, ISBN 3-88375-170-7.
  • Jean-Christophe Ammann, Rolf Lauter, Stephanie Schreer: Thomas Bayrle, Schriften des Museums für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, Verlag Jürgen Häusser, Darmstadt / Frankfurt, 1994. ISBN 3-927902-89-6 / ISBN 978-3-927902-89-3
  • Thomas Bayrle: works 1967–1995. China Youth Press, Beijing/Unak, Tokyo 1997, ISBN 7-5006-2483-2 (chinesisch/japanisch).
  • Thomas Bayrle. Ausstellungskatalog, Städelsches Kunstinstitut und Revolver, Archiv für Aktuelle Kunst, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-934823-89-0.
  • Daniel Birnbaum u. a. (Hrsg.): Thomas Bayrle. 40 Years Chinese Rock’n’Roll. Buch zur Ausstellung in Frankfurt: 40 Years of Chinese Rock’n’Roll, 2006, ISBN 3-86560-100-6.
  • Bayrle, Thomas. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 63.
  • Chuz Martínez u. a.: I’ve a feeling we’re not in Kansas anymore. Museu d’arte Contemporani de Barcelona 2009, ISBN 978-84-92505-02-9 (englisch).
  • Christoph Thun-Hohenstein, Nicolaus Schafhausen, Bärbel Vischer (Hrsg.): THOMAS BAYRLE. Musterzeichner. VfmK Verlag für moderne Kunst GmbH, Wien 2017.
  • Massimiliano Gioni u. a.: Thomas Bayrle Playtime, Phaidon, London 2018 (zur Ausstellung im New Museum, New York), ISBN 978-0-7148-7635-1.

Weblinks

Commons: Thomas Bayrle – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Literatur von und über Thomas Bayrle im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
  • Materialien von und über Thomas Bayrle im documenta-Archiv
  • Thomas Bayrle auf kunstaspekte.de
  • Thomas Bayrle in: Internationales Biographisches Archiv 25/2009 vom 16. Juni 2009, im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
  • Thomas Bayrle in der Galerie Francesca Pia
  • Thomas Bayrle in der Digitalen Sammlung des Frankfurter Städel-Museums
  • Ausstellung katholisch 2014 in der Kunst-Station Sankt Peter Köln und Link zu einem Audiobeitrag des Künstlers zur Ausstellung bei Domradio Köln
  • Ausführliche Biografie und Bibliografie (IFA-Datenbank)
  • Thomas Bayrle. In: sammlung.staedelmuseum.de. Abgerufen am 5. November 2018 

Einzelnachweise

  1. Christine Mehring: Mass Appeals: The Art of Thomas Bayrle. In Artforum, April 2007
  2. a b Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 63.
  3. Thomas Bayrles neue Kirchenfenster im Kloster Eberbach. In: feuilletonfrankfurt.de. Abgerufen am 31. März 2021. 
  4. Ankündigung der Ausstellung "Agnus Dei" von Thomas Bayrle auf der Website der Stiftung St. Matthäus. Abgerufen am 7. September 2014. 
  5. Wenn etwas zu lang ist – mach es länger - MAK Museum Wien. Abgerufen am 28. November 2017. 
  6. Lenbachhaus – I'm a Believer. Abgerufen am 18. März 2019. 
  7. Detail. Abgerufen am 18. März 2019. 

Thomas Mann, Albert Schweitzer, Julius Petersen (1932) | William Butler Yeats (1934) | Georg Kolbe (1937) | Leo Frobenius (1938) | Anton Kippenberg (1939) | Hans Pfitzner (1940) | Friedrich Bethge (1941) | Wilhelm Schäfer (1943) | Otto Hahn (1944) | Franz Volhard, Gustav Mori, Franz Schultz (1947) | Georg Hartmann (1948) | André Gide, Adolf Grimme, José Ortega y Gasset, Gerhard Marcks, Friedrich Meinecke, Robert Maynard Hutchins, Victor Gollancz, Carl Jacob Burckhardt (1949) | Friedrich Dessauer, Friedrich Witz, Richard Merton, Alexander Rudolf Hohlfeld, Boris Rajewsky, Ernst Robert Curtius, Jean Angelloz, Leonard Ashley Willoughby (1951) | Bernhard Guttmann, Ludwig Seitz, John Jay McCloy (1952) | Max Horkheimer, Fritz Strich (1953) | August de Bary, Karl Kleist, Richard Scheibe, Rudolf Alexander Schröder (1954) | Andreas Bruno Wachsmuth, Fritz von Unruh, Ferdinand Blum, Paul Hindemith, Hanns Wilhelm Eppelsheimer (1955) | Peter Suhrkamp, Carl Mennicke, Josef Hellauer, Paul Tillich (1956) | Helmut Walcha, Kasimir Edschmid, Benno Reifenberg, Gottfried Bermann Fischer, Rudolf Pechel (1957) | Otto Bartning, Friedrich Lehmann, Werner Bock, Martin Buber, Helmut Coing (1958) | Cicely Veronica Wedgwood, Thornton Wilder, Herman Nohl, Jean Schlumberger, Sir Sarvepalli Radhakrishnan, Yasunari Kawabata (1959) | Alfred Petersen, Arthur Hübscher, Franz Böhm (1960) | Vittorio Klostermann (1961) | Edgar Salin (1962) | Theodor W. Adorno, Fried Lübbecke, Karl Winnacker (1963) | Harry Buckwitz (1964) | Carl Orff (1965) | Marie Luise Kaschnitz, Heinrich Troeger, Ferdinand Hoff (1966) | Carl Tesch, Werner Bockelmann, Wilhelm Schöndube, Wilhelm Schäfer (1967) | Kurt Hessenberg (1973) | Ljubomir Romansky, Waldemar Kramer (1974) | Albert Richard Mohr (1976) | Siegfried Unseld, Oswald von Nell-Breuning SJ (1977) | Paul Arnsberg (1978) | Wulf Emmo Ankel, Christoph von Dohnányi, Erich Fromm (postum verliehen 1979) (1981) | Horst Krüger, Walter Hesselbach, Rudolf Hirsch, Fuat Sezgin (1980) | Wilhelm Kempf, Sir Georg Solti (1981) | Leo Löwenthal, Bruno Vondenhoff (1982) | Harald Keller (1983) | Marcel Reich-Ranicki (1984) | Alfred Grosser (1986) | Joachim Fest (1987) | Jörgen Schmidt-Voigt (1988) | Dorothea Loehr, Alfred Schmidt, Dolf Sternberger (1989) | Eva Demski, Hilmar Hoffmann (1990) | Albert Mangelsdorff (1991) | Iring Fetscher, Willi Ziegler (1992) | Liesel Christ, Walter Weisbecker, Ludwig von Friedeburg (1994) | Heinrich Schirmbeck, Emil Mangelsdorff, Wolfram Schütte (1995) | Christiane Nüsslein-Volhard, Walter Boehlich (1996) | Walter H. Pehle, Hans-Dieter Resch (1997) | Anja Lundholm, Christoph Vitali, Peter Weiermair (1998) | Arno Lustiger, Johann Philipp von Bethmann (1999) | Karl Dedecius, Michael Gotthelf (2000) | Ernst Klee, Hans-Wolfgang Pfeifer (2001) | Horst-Eberhard Richter, Peter Eschberg, Heiner Goebbels, Oswald Mathias Ungers (2002) | Christa von Schnitzler, Albert Speer junior, Chlodwig Poth, Jean-Christophe Ammann, Franz Mon (2003) | Ferry Ahrlé, Monika Schoeller (2004) | Henriette Kramer, Gerhard R. Koch (2005) | Eliahu Inbal, Peter Iden (2006) | Thomas Bayrle, Carmen-Renate Köper (2007) | Frank Wolff, E. R. Nele (2008) | Peter Kurzeck, Rosemarie Fendel (2009) | Klaus Reichert (2010) | Hans-Klaus Jungheinrich, Dieter Buroch (2011) | Felix Mussil, Mischka Popp, Thomas Bergmann (2012) | Paulus Böhmer, Peter Cahn (2013) | Hans Traxler, Thomas Gebauer, Wilhelm Genazino (2014) | Martin Mosebach, Sven Väth (2015) | Tobias Rehberger, Bettina von Bethmann (2016) | Claus Helmer, Moses Pelham (2017) | Max Weinberg (posthum) (2018) | Bodo Kirchhoff, Effi B. Rolfs, Max Hollein (2019) | Silke Scheuermann, Burkard Schliessmann (2020) | Hans Zimmer, Sandra Mann (2021) | Sabine Fischmann, Volker Mosbrugger (2022) | Anne Imhof, Michel Friedman (2023) | Margareta Dillinger, Bernd Loebe (2024)

Normdaten (Person): GND: 118507788 (lobid, OGND, AKS) | LCCN: n85250303 | VIAF: 95736565 | Wikipedia-Personensuche
Personendaten
NAME Bayrle, Thomas
KURZBESCHREIBUNG deutscher Maler, Grafiker, Objektkünstler, Designer und Video-Künstler und Verleger
GEBURTSDATUM 7. November 1937
GEBURTSORT Berlin